Frequenzgang eines LZI-Systems

Amplitudengang und Phasengang

Im vorigen Abschnitt haben wir folgendes festgestellt:

Ein harmonisches Eingangssignal der Kreisfrequenz ω\omega wird durch ein stabiles LZI-System mit der Übertragungsfunktion G(s)G(s) - nach einem Einschwingvorgang - lediglich um den Faktor G(jω)\left|G(j\omega)\right| verstärkt und um den Phasenwinkel G(jω)\angle G(j\omega) nach links verschoben.

Zwei wichtige Beobachtungen:

  1. Bei G(jω)|G(j\omega)| und G(jω)\angle G(j\omega) handelt es sich gerade um den Betrag und die Phase der komplexen Zahl G(jω)G(j\omega). Um die Antwort eines Systems mit bekannter Übertragungsfunktion G(s)G(s) auf ein harmonisches Signal mit Kreisfrequenz ω\omega zu ermitteln, müssen wir also nur die komplexe Zahl G(jω)G(j\omega) in Polarkoordinaten ermitteln.
  1. Das Systemverhalten ist frequenzabhängig, d.h. die Amplitudenverstärkung G(jω)|G(j\omega)| und die Phasenverschiebung G(jω)\angle G(j\omega) sind je nach Kreisfrequenz ω\omega der Anregung im Allgemeinen unterschiedlich groß. Es macht daher Sinn, sie jeweils als Funktion von ω\omega zu verstehen.
Definition: Frequenzgang

Für ein LZI-System mit der Übertragungsfunktion G(s)G(s) definiert man:

  • Der Amplitudengang A(ω)A(\omega) beschreibt die Abhängigkeit der Amplitudenverstärkung von der Kreisfrequenz ω\omega:
A(ω)=G(jω)A(\omega) = |G(j\omega)|
  • Der Phasengang φ(ω)\varphi(\omega) beschreibt die Abhängigkeit der Phasenverschiebung von der Kreisfrequenz ω\omega:
φ(ω)=G(jω)\varphi(\omega) = \angle G(j\omega)
  • Gemeinsam bilden sie den Frequenzgang G(jω)G(j\omega).
Beispiel:

Reaktion des PT1-Glieds auf harmonische Anregung

An ein RC-Glied mit R=1,69kΩR=1{,}69\,k\Omega, C=470μFC=470\,\mu F und der Übertragungsfunktion G(s)=1RCs+1G(s)=\frac{1}{RC\cdot s + 1} legen wir die Eingangsspannung u(t)=5sin(4t)u(t)=5\cdot\sin(4t) an. Da das System übertragungsstabil ist, wird sich nach einer Weile die Ausgangsspannung

uC(t)=5G(jω)sin(ωt+G(jω))=51RC4j+10,30sin(ωt+1RC4j+11,2773)\begin{align*} u_C(t) &= 5 \cdot \left|G(j\omega)\right|\cdot\sin\bigl(\omega t + \angle G(j\omega)\bigr) \\ & = 5 \cdot \underbrace{ \left|\tfrac{1}{R\cdot C\cdot 4j+1}\right| }_{\approx 0{,}30} \cdot\sin\bigl(\omega t + \underbrace{\angle \tfrac{1}{R\cdot C\cdot 4j+1}}_{\approx -1{,}27\approx-73^\circ} \bigr) \end{align*}

einstellen. Das Eingangssignal wird also in seiner Amplitude um den Faktor 0,3 auf ca. 1,5V abgeschwächt und um ca. 73° verzögert.

Der Frequenzgang kann nicht nur mithilfe physikalischer Modellierung (Aufstellen der DGL und Ermittlung der ÜF) ermittelt werden, sondern auch experimentell!

Dazu wird das System mit verschiedenen Frequenzen ωi\omega_i angeregt, also mit je einem Eingangssignal der Form u(t)=sin(ωit)u(t)=\sin(\omega_i t), und die jeweils resultierende Verstärkung AiA_i und Phasenverschiebung φi\varphi_i gemessen.

Anschließend kann man versuchen, die Übertragungsfunktion (falls sie analytisch benötigt wird) aus den Messdaten abzulesen, d.h. zu identifizieren.

Weiter im Text!

Im nächsten Abschnitt lernst Du eine grafische Darstellungsmöglichkeit des Frequenzgangs kennen: Die Nyquist-Ortskurve.

,