Frequenzgang eines LZI-Systems

Konstruktion des Bode-Diagramms aus einer gebrochen rationalen Übertragungsfunktion

In diesem Abschnitt lernst Du, wie Du das Bode-Diagramm einer gebrochen rationalen Übertragungsfunktion

G(s)=KV(sη1)(sη2)(sηm)(sp1)(sp2)(spn)G(s) = K_V\cdot\frac{(s-\eta_1)(s-\eta_2)\cdots(s-\eta_m)}{(s-p_1)(s-p_2)\cdots(s-p_n)}

von Hand konstruieren kannst.

Die Grundidee besteht darin, die Übertragungsfunktion in ihre einzelnen Faktoren zu zerlegen:

Wenn wir verstehen, wie der Frequenzgang dieser Bestandteile jeweils für sich genommen aussieht, und wenn wir wissen, was bei der Multiplikation passiert, dann können wir den Frequenzgang der gesamten Übertragungsfunktion daraus ableiten.

Frequenzgang einer Reihenschaltung

Daher untersuchen wir zunächst den Effekt einer Multiplikation zweier ÜFen:

G(s)=G1(s)G2(s).G(s)=G_1(s)\cdot G_2(s).

Da der Amplitudengang im Bode-Diagramm logarithmisch (in ) dargestellt wird, betrachten wir

x=20logG(jω)dB==20logG1(jω)G2(jω)dB==20log(G1(jω)G2(jω))dB==20logG1(jω)dB+20logG2(jω)dB\begin{align*} x &= 20\,\log\left|G(j\omega)\right| dB =\\ &= 20\,\log\left|G_1(j\omega) \cdot G_2(j\omega)\right| dB = \\ &= 20\,\log\bigl(\left|G_1(j\omega)\right|\cdot\left|\,G_2(j\omega)\right|\bigr) dB =\\ &= 20\,\log\left|G_1(j\omega)\right|dB + 20\,\log\left|\,G_2(j\omega)\right| dB \end{align*}

Der Amplitudengang der Serienschaltung in Dezibel ergibt sich somit als Summe der einzelnen Amplitudengänge, wenn diese jeweils in Dezibel betrachtet werden.

Weil sich bei der Multiplikation zweier komplexer Zahlen deren Phasen addieren, gilt für den Phasengang analog:

G(jω)=[G1(jω)G2(jω)]=G1(jω)+G2(jω)\angle G(j\omega) = \angle \left[ G_1(j\omega) \cdot G_2(j\omega)\right] = \angle G_1(j\omega) + \angle G_2(j\omega)

Dieser ergibt sich also ebenfalls als Summe der beiden einzelnen Phasengänge!

Fazit: Frequenzgang einer Reihenschaltung

Bei der Hintereinanderschaltung zweier LZI-Systeme addieren sich Amplituden- und Phasengang der Einzelsysteme im Bode-Diagramm jeweils auf.

Einfluss des Vorfaktors

G(s)=KV(sη1)(sη2)(sηm)(sp1)(sp2)(spn)G(s) = {\color{#0055A3}K_V}\cdot\frac{(s-\eta_1)(s-\eta_2)\cdots(s-\eta_m)}{(s-p_1)(s-p_2)\cdots(s-p_n)}

Der konstante Vorfaktor KVK_V lässt sich als P-Glied mit der ÜF G(s)=KVG(s)=K_V verstehen.

Dessen Amplitudenverstärkung ist frequenzunabhängig und beträgt G(jω)=KV|G(j\omega)|=K_V, die Phasenverschiebung ist ebenfalls konstant G(jω)=0\angle G(j\omega) = 0 für positives KV>0K_V>0 bzw. 180° für negatives KV<0K_V<0.

Fazit: Einfluss des Vorfaktors

Der Vorfaktor bewirkt im Bode-Diagramm nur die Verschiebung der Amplitude um 20log10KV20\log_{10}|K_V|.

Für negatives KVK_V ändert sich zusätzlich die Phase um 180°.

Beispiel: Multiplikation mit P-Glied

Ist beispielsweise KV=0.1K_V=0.1, wird lediglich der Amplitudengang um 20dB nach unten abgesenkt.

Probier's aus:

Einfluss von Nullstellen

G(s)=KV(sη1)(sη2)(sηm)(sp1)(sp2)(spn)G(s) = K_V\cdot\frac{\color{#0055A3}(s-\eta_1)(s-\eta_2)\cdots(s-\eta_m)}{(s-p_1)(s-p_2)\cdots(s-p_n)}

Als nächstes untersuchen wir den Beitrag eines Zähler-Linearfaktors

Z(s)=sηiZ(s) = s-\eta_i

zum Frequenzgang des Gesamtsystems G(s)G(s).

Wieder betrachten wir nur s=jωs=j\omega und sehen: Z(s)=sηi=ηi+jωZ(s)=s-\eta_i = -\eta_i + j\omega ist eine komplexe Zahl mit dem Realteil ηi-\eta_i und Imaginärteil ω\omega.

Beitrag zum Amplitudengang

Ihr Betrag ist gerade durch den Pythagoras gegeben:

Z(s)=ηi+jω=ηi2+ω2.|Z(s)| = |-\eta_i+j\omega|=\sqrt{\eta_i^2+\omega^2}.

Spiele im interaktiven Diagramm mit der Nullstelle η\eta und der Kreisfrequenzen ω\omega:

−ηω

Nun achte auf diese drei Sonderfälle:

1. Kleine Frequenz

Für sehr kleines ωηi\omega\ll|\eta_i| ist der Imaginärteil zu vernachlässigen und die Hypotenuse ist ungefähr so groß wie der Betrag der Nullstelle:

Z(s)=jωηiηi.|Z(s)|=|j\omega-\eta_i|\approx|\eta_i|.

Für Frequenzen, die im Bode-Diagramm deutlich weiter links liegen als ω=ηi\omega=|\eta_i| verhält sich der Linearfaktor also fast wie ein konstanter Faktor (vgl. KVK_V oben), weil sie fast unabhängig vom genauen Wert der Kreisfrequenz ω\omega ist.

2. Grenzfrequenz (auch Eckfrequenz oder Knickfrequenz)

In der sogenannten Grenzfrequenz ω=ηi\omega=|\eta_i| sind Real- und Imaginärteil identisch (wie bei einem Geodreieck). Somit ist

Z(s)=jωηi=2ηi.|Z(s)|= |j\omega-\eta_i|=\sqrt{2}\cdot|\eta_i|.

Hier bewirkt der Linearfaktor eine Erhöhung um ziemlich genau 3dB nach oben.

3. Große Frequenzen

Für sehr großes ωηi\omega\gg|\eta_i| dominiert der Imaginärteil und es ist

Z(s)=jωηiω.|Z(s)|=|j\omega-\eta_i|\approx\omega.

Weit rechts im Bode-Diagramm, d.h. wieder in ausreichender Entfernung von ω=ηi\omega=|\eta_i|, gilt also: Eine Verdopplung der Frequenz führt zur Verdopplung des Betrags, eine Verzehnfachung führt zur Verzehnfachung. In der doppelt-logarithmischen Darstellung des Amplitudengangs entsteht dadurch eine Gerade mit konstanter Steigung; diese beträgt 20dB nach oben (Faktor 10) pro Dekade (ein anderes Wort für Faktor 10).

20dB/Dekade|η|

Beitrag zum Phasengang

Den Beitrag eines Linearfaktors (jωsi)(j\omega-s_i) zum Phasengang können wir uns anhand des interaktiven Diagramms oben ebenfalls überlegen. Dabei fällt auf, dass das Vorzeichen von η\eta, das für den Betrag keine Rolle gespielt hat, nun einen Unterschied macht:

  • Für η>0\eta>0 liegt die Ortskurve Z(jω)=jωηZ(j\omega)=j\omega-\eta im zweiten Quadranten: Für ω=0\omega=0 liegt Z(jω)Z(j\omega) genau links (180°) und dreht sich mit steigendem ω\omega rückwärts nach oben bis 90°. In der Eckfrequenz ω=η\omega=\eta beträgt der Winkel 90°+45°=135°.
|η|135°

Einfluss von Polstellen

G(s)=KV(sη1)(sη2)(sηm)(sp1)(sp2)(spn)G(s) = K_V\cdot\frac{(s-\eta_1)(s-\eta_2)\cdots(s-\eta_m)}{\color{#0055A3}(s-p_1)(s-p_2)\cdots(s-p_n)}

Um die Ortskurve eines Pols, also Linearfaktors im Nenner, herzuleiten, können wir direkt auf die obigen Überlegungen zurückgreifen. Der Unterschied liegt darin, dass wir nun durch den Linearfaktor im Nenner dividieren müssen.

Dadurch hat er genau den gegenteiligen Effekt:

  • Der Betrag wird durch den Betrag von spi|s-p_i| geteilt; in der Dezibel-Skala bedeutet das Subtraktion.
  • Die Phase muss ebenfalls subtrahiert werden.

Das bedeutet: Wo eine Nullstelle für hohe Frequenzen eine zunehmende Verstärkung bewirkt (Knick um 20dB/Dekade nach oben), führt der Pol zur entsprechenden Verringerung der Amplitude, d.h. zu einem Knick um 20dB/Dekade nach unten.

Zusammenfassung

Vorgehen zur Konstruktion des Bode-Diagramms

Gegeben: G(s)=KV(sη1)(sη2)(sηm)(sp1)(sp2)(spn)G(s) = K_V\cdot\dfrac{(s-\eta_1)(s-\eta_2)\cdots(s-\eta_m)}{(s-p_1)(s-p_2)\cdots(s-p_n)}

  1. Vorbereitung:
    • Pole pip_i ablesen und jeweils zugehörige Eckfrequenz pi|p_i| ermitteln.
    • Nullstellen ηi\eta_i ablesen und jeweils zugehörige Eckfrequenz ηi|\eta_i| ermitteln.
    • Verstärkungsfaktor KVK_V ablesen.
  2. Amplitudengang:
    • Jede Nullstelle ηi\eta_i bewirkt einen Knick um 20dB pro Dekade nach oben.
    • Jeder Pol pip_i bewirkt einen Knick um 20dB pro Dekade nach unten.
  3. Phasengang:
    • Links gelegene Nullstelle ηi<0\eta_i<0: 90° Anstieg an der Eckfrequenz.
    • Nullstelle in ηi=0\eta_i=0: Anhebung um 90° für alle ω\omega (vgl. D-Glied).
    • Rechts gelegene Nullstelle ηi>0\eta_i>0: Abfall um 90°, ausgehend von 180°.
    • Links gelegener Pol pi<0p_i<0: 90° Abfall an der Eckfrequenz.
    • Pol in pi=0p_i=0: Absenkung um 90° für alle ω\omega (vgl. I-Glied).
    • Rechts gelegener Pol pi>0p_i>0: Anstieg um 90°, ausgehend von -180°.

Die oben hergeleiteten Näherungen gelten nur in großer Entfernung von der Nullstelle bzw. dem Pol. Im Bereich ωηi\omega\approx|\eta_i| bzw. ωpi\omega\approx|p_i| kommt es üblicherweise zu einem glatten Übergang anstelle des Knicks.

Konjugiert komplexe Nullstellen- und Polpaare können im Übergangsbereich stark von der Näherung abweichen, vor allem, wenn sie nahe der imaginären Achse liegen!

Beispiel

Wir wollen das Bode-Diagramm zur Übertragungsfunktion

G(s)=s+1(s+100)(s+0.01)G(s) = \frac{s+1}{(s+100)(s+0.01)}

konstruieren. G(s)G(s) besitzt...

  • einen Pol p1=0.01p_1=-0.01: Eckfrequenz ω1=+0.01\omega_1=+0.01,
  • eine Nullstelle η1=1\eta_1=-1: Eckfrequenz ω2=+1\omega_2=+1,
  • einen Pol p2=100p_2=-100: Eckfrequenz ω3=+100\omega_3=+100,
  • den Verstärkungsfaktor KV=1K_V=1, d.h. 0dB.

Damit können wir das Bode-Diagramm direkt skizzieren:

ω1ω2ω3−20dB/Dek.0dB/Dek.−20dB/Dek.
|ω_1ω_2ω_3

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